copyright by L.Draco 2010
Abenddämmerung.
Ich hatte lange versucht dieses verfluchte Verlangen zu unterdrücken. Diese grausame Unruhe, die mich hinaus zwang. Hinaus aus meiner Wohnung. Hinaus aus der Stadt. Raus aus meiner Haut.
Ich hielt den Schlüssel so fest umklammert, dass sich die scharfen Kanten in meine Handfläche bohrten. Ich durfte niemanden wecken! Leise wie ein Schatten schlich ich mich ins Nebenzimmer, wo ich mir die Schuhe anzog. Eine Jacke sparte ich mir. Mir war nicht kalt. Nicht mal jetzt im Dezember. Die innere Hitze tief in mir genügte um die äußere Kälte zu vertreiben. Abermals zog sich der Schmerz wie ein heißer Draht durch meinen Körper. Stöhnend brach ich in die Knie. Ich hatte es zulange herausgezögert. Zu lange gewartet. Jetzt hatte ich nicht mehr viel Zeit. Fast hastig rappelte ich mich wieder auf und öffnete die Wohnungstür. Ich musste mich sehr konzentrieren um sie geräuschlos hinter mir zu schließen. Die tierischen Instinkte drohten mich zu übermannen. Die Zeit wurde wirklich knapp…
Ich spürte es schon noch bevor ich den Container erreicht hatte. Bis zum Wald würde ich es auf keinen Fall mehr schaffen. Atemlos und von Schmerzen getrieben suchte ich den dunkelsten Winkel hinter den Mülltonnen im Hof unseres Hauses. Ich verbarg mich hinter einem Stapel alter, welker Kartons und betete zu allen sieben Höllen, dass niemand kam. Eine kurze Verschnaufpause – mehr Zeit hatte ich nicht, bevor der Schmerz mit all seiner Härte zurückkehrte. So schnell ich es vermochte schlüpfte ich aus Hose und Pullover und stopfte sie unter den Container. Dann warf mich der Schmerz erneut zu Boden. Keuchend grub ich die Fingernägel in den Asphalt bis sie splitterten. Ich darf nicht schreien!, schalt ich mich, Sonst sehen sie mich!
Ich hockte auf allen Vieren am Boden und zitterte wie Espenlaub. Mein Rücken krümmte sich bitterlich unter den Schmerzen und schon erschien der erste schwarze Flaum auf meiner Haut. Meine abgebrochenen Fingernägel wurden lang und spitz und auch meine Hände verzerrten sich langsam zu schwarz behaarten Pfoten. Das Fell kroch an meinen Armen und Beinen hinauf über meinen Rücken und erreichte schließlich mein Gesicht. Als es dort ankam, war der Rest meines Körpers schon kaum mehr menschlich. Meine Füße waren ebenso Klauen, wie meine Hände und aus meinem weiblichen Leib war ein starker, muskulöser Wolfskörper geworden. Ächzend riss ich den Rachen auf um dem Druck der wachsenden Zähne nachzugeben. Meine Nase und mein Mund vereinten sich und bildeten eine lange, schmale Schnauze – gespickt mit fürchterlichen, rasiermesserscharfen Zähnen.
Letztlich dann kauerte ich schwer atmend auf dem feuchten Boden zwischen den Kartons und den Abfallcontainern und wartete sehnlichst darauf, dass der Schmerz abflaute. Mein heißer, schneller Atem bildete kleine Nebelschwaden in der klirrend kalten Nachtluft. Langsam krochen die Empfindungen in meine Glieder zurück und ich wagte mich wieder zu bewegen. Vorsichtig richtete ich mich auf – erst auf alle Viere und dann zur vollen Größe. Der diabolische Schmerz von eben war verschwunden und an seine Stelle waren hoch empfindliche Sinne getreten. In einem tiefen Atemzug füllte ich meine gewaltigen Lungen mit kühler Nachtluft. Unbeschreiblich viele Gerüche strömten durch meine Nase, aber ich machte mir nicht die Mühe sie alle zu identifizieren. Von irgendwo her hörte ich einen Zweiten meiner Art rufen. Ich antwortete ihm. Das tiefe Grollen aus meiner Kehle schwoll schnell zu einem schrillen, hellen Laut an, der wie eine Klinge durch die Nacht schnitt. Der Andere rief mich wieder – rief mich zur Jagd…
Erschöpft kehrte ich am frühen Morgen nach Hause zurück. Unter meinen Kleidern verbarg ich das geronnene Blut meines Opfers. Immer noch schlich ich so leise ich nur konnte umher, damit niemand mich bemerkte. Zum Glück war zu dieser Stunde noch niemand auf den Beinen. Vorsichtig lugte ich um die Ecke zur Kellertüre hin. Dann warf ich einen Blick zu den Fenstern hinauf. Niemand da. Gut… Mit zwei schnellen Schritten war ich an der Betontreppe zur Kellertür und mit einem weiteren hinab. Ich drückte die Klinke und schlüpfte hindurch. Ohne das Licht einzuschalten schlich ich durchs Treppenhaus hinauf zur meiner Wohnung. Meine Sinne erlaubten mir auch im Dunkeln sehen zu können wie am Tage. Ich kramte meinen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Wohnungstür auf. Endlich wieder daheim seufzte ich erleichtert, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich streifte auf dem Weg ins Bad alle Kleider ab und ging erst einmal duschen. Danach setzte ich Kaffee auf und hockte mich auf die breite Fensterbank des Küchenfensters. Von hier aus – dem fünften Stock meines Wohnhauses – hatte man einen ganz guten Blick auf die Stadt. Langsam und vorsichtig kroch am fernen Horizont die Sonne weiter am Himmel empor. Blutig rot tränkten ihre zitternden Strahlen die Straßen. Wieder seufzte ich. Es war so ein furchtbares Leben. All die Schmerzen und Entbehrungen! Dieser tief verwurzelte Hass und das stete Gefühl verfolgt oder beobachtet zu werden. Es hatte Vorteile – klar – aber leider überwogen die Nachteile eindeutig. Zwar wurde ich nie krank, hatte Sinne so scharf wie eine Rasierklinge und musste nie zum Frisör, aber dafür ertrug ich alle achtundzwanzig Tage eine schiere Höllenwanderung, sollte besser keine menschlichen Freunde haben, geschweige denn eine feste Beziehung und konnte keine normalen Jobs annehmen, weil mein eingefleischter Instinkt mir das Nachtleben vorschrieb. So arbeitete ich manchmal in einer Bar als Kellnerin, wenn mir der Sinn danach stand, denn dann war da ja auch noch mein anderer Job. Der mit dem ich eigentlich mein Geld verdiente. Allein drei Tage im Monat, die um Vollmond herum, hatte ich frei. Brauchte diese Zeit, um meine andere Seite auszuleben. Ja, denn immer zu Vollmond erwachte dieses finstere Verlangen in mir. Diese Unruhe. Dieser tödliche Durst nach Blut und lebendigem Fleisch. Dann verwandelte sich mein Leib – so wie diese Nacht – und tötete einen Menschen nach dem anderen. Jedes Mal. Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden. Ich konnte es nicht ändern. Die erste Wandlung an die ich mich erinnern konnte, war längst nicht die erste, die ich durchlebt hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als dieser grausame Schmerz meinen Körper verlassen hatte und ich zum ersten Mal richtig begriff was ich wirklich war. Obwohl ich es auch vorher schon geglaubt hatte zu wissen. Ich war ein Werwolf. Ein geborener Werwolf. Das Kind einer Werwölfin und eines Menschen, so sagte man. Da ich nicht wusste wer meine Eltern waren konnte mir niemand wirklich sagen, wer ich war. Woher ich kam. Wie alt ich war. All das fehlte in meinem Kopf. Mein halbes Leben… Das Einzige, was wie eingebrannt in meinem Hirn war, war ein Teil meines Namens. Angel. Also war ich Angel. Später gab man mir dann auch einen vollen, bürgerlichen Namen. Angelique Darlin. Unter dem auch meine Sozialversicherungsnummer und alles andere lief. Mein menschlicher Name.
Doch trotz allem verbarg sich dicht unter meiner fast weißen Haut ein unwahrscheinlich finsterer Schatten. Kein Mensch auf dieser Welt war auch nur in der Lage ihn zu sehen. Zu sehen, dass ich anders war, als sie, die Menschen. Sie erkannten nicht, dass der Tod in meinem Blick schwamm und die Dunkelheit in meinem Lächeln wohnte. Niemand sah, dass ich vielleicht einmal ihr aller Tod sein würde…
Mittlerweile war es halb sieben Uhr morgens und ich war alles andere als wach, trotz Kaffee. Müde gähnend beschloss ich ein paar Stunden zu schlafen, ehe ich wieder das Haus verlassen würde. Es war der zweite der drei Tage an denen mein normales Leben still stand und ich meiner zweiten Seite Auslauf gönnte. Also kroch ich wieder unter die Bettdecke und schlief bis vier Uhr nachmittags. Ein ganz normaler Tagesablauf. Für Geschöpfe der Nacht, wie ich es war. Und da es Winter war dämmerte es um diese Zeit bereits wieder und bis ich geduscht und mich fertig gemacht hatte würde es fast ganz dunkel sein.
Geduscht und mit nassen Haaren stand ich vor meinem Kleiderschrank und wählte mein Outfit für diese Nacht. Ein langer, schwarzer Samtrock, eine Korsage unter der ich nichts tragen würde und mein geliebter schwarzer Ledermantel. Dazu hohe Schnürstiefel und dunkles Make-up. Als Krönung von alle dem schminkte ich mir die Lippen blutrot. Ja, denn heute Nacht hatte ich etwas vor…
Mir wehendem Mantel und viel Aufmerksamkeit erregend schritt ich mit hoch erhobenem Kopf durch die Straßen. Meine Stammkneipe lag nur ein paar Minuten von meiner Wohnung entfernt in einer unbeleuchteten Seitengasse. Den Eingang sah man nur, wenn man wusste, wo man suchen musste. Kurzerhand öffnete ich die unscheinbare Kellertür und folgte der abgenutzten Betontreppe hinab. Schon nach ein paar Metern wandelte sich die Betonwand in den rauen Stein eines mittelalterlichen Gemäuers. Von den Wänden hingen Spinnweben und es roch überall nach feuchtem Mauerwerk. Weiter unten dann erkannte ich einen schwachen Lichtschimmer. Eine einzelne Laterne bewachte den eigentlichen Eingang zum Gehenna. Als ich eintrat empfing mich eine Wolke aus den übelsten Gerüchen. Zigarettenqualm – hauptsächlich – aber auch ein leichter, für Menschen unmöglich wahrnehmbarer, sanfter Blutgeruch. Sofort erwachten meine Instinkte wieder. Aufmerksam schritt ich zur Bar hin und setzte mich so, dass ich in den Raum hinein sehen konnte. „Das Übliche, Angel?“ erscholl die Stimme des Barkeepers hinter mir.
Ich nickte nur lächelnd und wartete bloß so lange auf meinem Hocker, bis er das Glas Wiskey on the Rocks neben mir abgestellt hatte, ehe ich aufstand, meinen Drink nahm und in den hinteren Raum ging. Die Tür trug die Aufschrift VIP – Bereich, war also ausschließlich für Dämonen wie mich.
Je näher ich der ehernen Tür mit ihren schweren Eisenbeschlägen kam, desto intensiver wurde der Blutgeruch. Ich öffnete und trat ein. Die Anwesenden wussten längst, wer durch die Tür treten würde, weshalb auch niemand den Kopf hob. Ich warf einen schnellen Blick in die Runde. Nichts, was ich nicht schon einmal gesehen hätte. Zwei Vampire, die sich gegenseitig an Hälsen und Armen herum knabberten und ein paar niedere Dämonen.
Was mir aber dennoch auffiel war ein Mann, der in der hinteren Ecke des Raumes an einem Tisch saß. Allein sein Geruch machte mich auf ihn aufmerksam. Ein Artgenosse. Ein Werwolf. Seine langen, schlanken Finger spielten mit dem Glas vor ihm. Sein Gesicht war hinter langen, blonden Haaren verborgen, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ein paar lose Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Er trug – ebenso wie fast jeder hier – Schwarz. Unter seinem hautengen Hemd zeichnete sich eine starke Brust ab. Er war wirklich ein angenehmer Anblick. Schöne, elegante Gesichtszüge. Ausgeprägte Wangenknochen. Glatte, helle Haut. Kurzerhand beschloss ich mich zu ihm zu setzen. Ich wollte heute schließlich nicht allein nach Hause gehen.
„Und ich dachte schon, ich wäre heute Abend der Einzige hier…“ schnurrte ich lächelnd und setzte mich ihm gegenüber.
Er hob den Kopf und erwiderte mein Lächeln. Seine Augen waren zwar stahlblau, aber dennoch hätte ein Blinder den wilden, unbeugsamen Glanz in ihnen erkennen können.
„Tja, das liegt wohl daran, dass das Crow heute zu hat, meine Liebe.“
Ich verzog eine Miene. Das Crow war ein anderer Club, der für seinen versauten Ruf bekannt war und dafür, dass er einem alles verkaufte, was man haben wollte. Menschen eingeschlossen. „Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen und das ich dir erlaubt hätte mich so zu nennen…“ überging ich seine Anspielung auf den Club, in den ich nie ging. Aber wenn ich etwas hasste, dann waren es Spitznamen von Männern, die ich etwa dreißig Sekunden kannte.
Er grinste nur breit. „Mein Name ist Leo.“ Erklärte er, und noch bevor ich ihm meinen Namen sagen konnte, sprach er weiter: „Und – lass mich raten – du bist Angelique.“
Ich seufzte und lächelte dann aufgesetzt. „Ich bin wohl bekannter als ich dachte!“
Wieder lachte er nur. „Man hört viel von dir. Es gibt nicht viele von uns, die als … hm … tja …“ Sag´s ruhig, dachte ich schmunzelnd, während er so vor sich hin stotterte.
„…Auftragskiller arbeiten. Und erst recht nicht so extravagant, wie du es tust.“ sagte er schließlich. Ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen, was mich etwas verblüffte, wie ich eingestehen muss. Ich erwiderte seinen Blick und lächelte herausfordernd. Er gefiel mir. Und wie er mir gefiel!
„Irgendwie muss man sich ja seine Brötchen verdienen.“ sagte ich und versuchte möglichst arrogant zu wirken. Ich wusste, dass ich hin hatte. Er würde mich heute begleiten.
Er senkte lächelnd den Kopf und nahm sein Glas in die Hand. „Nun… was wollen wir heut’ Abend noch schönes machen, Angel? Hier ist es ziemlich langweilig und die Nacht ist noch jung….“
Ein schon fast teuflisches Grinsen trat auf meine Lippen und allein der Gedanke ließ meine Augen gleißend gelb auflodern. Ich beugte mich ein Stück zu ihm vor und zischte: „Lass uns jagen gehen….“