Eine lange Nacht

…ja, die hatte ich wohl vergangene Nacht.

Wie fühlt man sich, wenn der Mann, den man aus vollem Herzen und mit jeder Faser seines Körpers liebt von den Toten zurückkehrt?

Wie fühlt man sich, wenn das Kind, das man einst geboren hat, Tante zu einem sagt? Einen nicht kennt…?

Wie fühlt es sich an, schmerzlos, frei und allein in seinem Körper zu sein?

Wie fühlt sich innere Ruhe an?

Milliarden Fragen, die mich quälten, als ich Stunde um Stunde auf dieser Bank im Bahnhof gesessen habe. Allein habe ich den vorbeiziehenden Menschen zugeschaut. Wie sie sich eilten aus der Dunkelheit zu kommen. Wie sie versuchten an ihr Ziel zu gelangen. Nach Hause zu kommen. Schnell. Sicher. Lebend.

Keiner dieser Menschen ahnt, was sich so alles in den Schatten tummelt…

Ich musste sogar beinah lachen, als ich einen Mann beobachtete, der unter einer Laterne stand, scheinbar in der Sicherheit des Lichts und der Bushaltestelle. Er sah nicht, erkannte nicht, was da neben ihm stand. Den Dämon. Den Vampir. So offensichtlich hatte der hagere, hungrige Vampir auf den Hals des Mannes gestarrt. Sich gierig die Lippen geleckt. Und der Mensch bemerkte ihn nicht. Spürte nicht einmal die Gefahr. Sie stiegen in den selben Bus ein, der Vampir setzte sich sogar hinter den Mann. Dorthin, wo er den besten Blick auf seine Halsschlagader hatte. Immer noch hatte der Mann nicht erkannt was er war. Welche Gefahr ihm drohte und welches Schicksal ihn erwartete, sobald er den Bus wieder verließ und irgendwo eine dunkle Ecke dieser Stadt erreichte.

London war voll von uns. Voller Dämonen. In kaum einer anderen Stadt ist unsere Dichte so groß, wie hier. Hier in unserem Alten Land, wie es in den Geschichten heißt. Aber das ist ein anderes Thema…

Eigentlich wollte ich euch nur sagen, seit auf der Hut, wenn ihr nachts allein im Dunkeln unterwegs seit… Vielleicht ist der Mann oder die Frau, das Kind neben euch, weniger menschlich, als ihr zu glauben wagt.

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Interview mit Claude Corethess

Das Interview mit Claude Corethess war wohl das Schwierigste von allen… Viermal
musste ich einen Termin mit ihm verabreden, bis er endlich
aufgetaucht war. Es war kurz nach dem Tag, an dem Angel ihm
verboten hatte ihr je wieder unter die Augen zu treten. Um ihr
ungeborenes Kind zu beschützen. Er war ziemlich am Ende
damals…

So saß ich spät abends in einer Bar und wartete. Lange.
Als Claude endlich erschien war er immerhin fast nüchtern. Er sah schlecht aus. Mager und ausgezehrt. Er setzte sich zu mir an die Bar und bestellte sich einen doppelte Whiskey.
“Hallo Claude. Danke, dass du gekommen bist.” begann ich vorsichtig als er nichts sagte.
Er musterte mich einen Moment. Seine schwarzen Augen waren matt und glanzlos. “Ich verstehe immer noch nicht warum du nochmal mit mir sprechen willst. Das hatten wir doch schon alles vor Monaten.”

“Du musst nicht mit mir reden. Nur wenn du willst…”

Er schnaubte. “Klar.”

“Schön. Ich möchte nur wissen, wie es dir geht, was du so machst, jetzt wo du .. alleine bist.”

Seine Hand krampfte sich um das Glas. Ich konnte den knackenden Protest hören. “Was soll ich schon groß machen? Was glaubst du denn?! Ich sitze den ganzen verdammten Tag und die ganze verdammte Nacht in irgendeiner Bar oder in Belials Wohnung. Oder ich treibe mich in dunklen Seitengassen herum um einen menschlichen Dealer zu überfallen.” Er machte eine Pause um einen Schluck von seinem Whiskey zu nehmen, “Außerdem bin ich nie allein. Nie.”

“Wegen deiner Verbindung zu ihr…”

Er nickte knapp. “Natürlich. Zwar spüre ich sie längst nicht immer, aber sie ist immer ein Teil von mir… Ich verstehe nicht, warum sie mich weggeschickt hat… Warum so plötzlich! Erst war alles gut, ich durfte sie trösten, als dieser Bastard endlich weg war und dann … von jetzt auf gleich schickt sie mich weg. Irgendwie schafft sie es mich völlig auszuschließen, wenn sie in diesem Labor ist. Da ist sie jetzt schon seit Monaten! Und ich weiß nicht einmal wie es ihr geht! Verdammt!” Seine Faust landete krachend auf dem Tisch und ließ die Gläser hüpfen.

Ich war ganz schön erschrocken, aber auch gebannt von seiner unerwarteten Redseligkeit. “Es geht ihr gut. Ich habe sie vor ein paar Wochen getroffen.”

Claude hatte mich lange gemustert. “Das ist … gut. Hast du … Hast du es ihr gesagt?”

“Nein.”

Erleichtertes Aufatmen. “Gut. Und das wird sie auch nie.”

“Von mir nicht. Ich habe dir versprochen ihr nicht zu erzählen, was du mit Jerry gemacht hast…  Auch wenn ich es, weiß Gott, nicht gut finde…”

“Das ist mir egal! Hauptsache er lässt die Finger von ihr! Wenn ich sie nicht haben kann, dann soll sie keiner bekommen!”

“Claude, findest du nicht, du solltes -”

“Was? Ihn freilassen?! Warum zum Teufel?! Weißt du, was passieren wird, wenn er frei kommt und zu ihr zurück geht? Sie wird mich noch mehr hassen, als ohnehin schon! Vielleicht wird sie sogar nach einer Möglichkeit suchen unser Band zu zerstören! Auch wenn es keine gibt. Wenn das einer mit Sicherheit weiß, dann ich.” Er schnaubte abfällig, “Jerry hat den Ort verdient, an dem er jetzt ist. Und auch das Schicksal, dass ihm bevorsteht. Genau wie ich. Genau wie Angel… wie jeder von uns…”

Ich konnte nicht einmal blinzeln, geschweige denn reagieren, als er sich vor mir in Luft auflöste…

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Interview mit Robin

 

Für das Interview mit Robin Meloy musste ich verdammt lange wach bleiben, denn die Gute hatte erst nach Mitternacht Zeit für mich. Wir hatten uns in dem Schlösschen verabredet, in das Tony, Connor und Duncan gezogen waren, nach Jerrys Verschwinden. Robin wohnte zwar bei Tracey, aber dort wollte sie nicht mit mir reden.

An der Einfahrt zum Schloss wartete der junge, neue Diener, der mich dann hinaufbegleitete. Ich redete mir erfolgreich ein, dass er nicht nur dafür da war um mich im Auge zu behalten. Obwohl er das zweifelsfrei auch sollte.

Er führte mich durch die traumhafte Eingangshalle hinauf in ein kleines, heimeliges Kaminzimmer. Dort wartete Robin auf mich, begleitet von ihrem unglaublich schönen Freund. Es wollte mir einfach immer noch nicht in den Kopf, dass dieser wunderschöne Mann ein Dämon war. Sogar ein ziemlich mächtiger. Wobei mir dafür ebenso bei Angel und Robin selbst das Verständnis fehlte. Immer noch. Obwohl ich ihre dunkle Seite so gut kannte.

“Hallo” begrüßte mich Tony und seine Stimme klang in meinen Ohren, wie warme Schokolade, “Hast du gut hergefunden?”

Ich konnte nur steif nicken. Völlig überfordert mit seiner Gegenwart. Dabei kannte ich ihn ja schon eine Weile.

“Danke. Das Navi hat mir den Weg gezeigt.”

Er lächelte. Dann wandte er sich Robin zu, sah ihr einen Moment nur in die Augen. Ich nahm an, dass sie gedanklich kommunizierten. Dann verabschiedete er sich von mir und ließ uns allein.

“Ich habe uns Tee machen lassen. Wenn du möchtest.” schnitt Robins Stimme durch meine Gebanntheit.

Ich fuhr zu ihr herum. “Klar. Gerne. Danke.”

Ihr Lächeln verbarg ihre hübschen Fangzähne, als sie sich auf ein zierliches Sofa setzte und mir einen Platz ihr gegenüber anbot. Sie schenkte uns Tee ein während ich mich setzte.

“Und?” fragte sie leise.

“Wie geht es dir, Robin?”

Ein leises Lachen. “Gut. Danke der Nachfrage. Dir auch?”

“Ja, danke. Du und Tony seit wirklich ein schönes Paar.”

Ein Grinsen von einem Ohr zum anderen. “Ich weiß.”

“Wie lange seit ihr jetzt schon zusammen? Das hast du mir damals gar nicht gesagt.”

“Siebzig Jahre.”

“Ein Wimpernschlag im Leben zweier Unsterblicher.”

Sie nickte.

“Was denkst du über Angel? Ich meine, über ihre Situation und das Kind.”

Robins Lächeln verschwand und ihre Züge gefroren. “Ich würde ihr in jeder Lebenslage helfen. Sie ist mir eine Schwester. Wenn ich könnte, würde ich Claude diesen Bastard einfach töten, aber da er ihr Wächter ist, ist mir das unmöglich. Ich kann sie nur verstecken.” Nun zeigte sich wieder ein schwaches Lächeln, “Nur gut, dass mein Zauber stärker ist als seiner. So kann ich sie verbergen.”

“Ist das nicht unglaublich anstrengend? So lange einen schweren Zauber aufrecht zu erhalten?”

“Ja. Klar. Aber was sollte ich sonst tun? Sie und Tony sind alles was ich habe. Und für nichts auf der Welt würde ich Angels Gesundheit oder die ihres Kindes riskieren. Da halte ich lieber dieses Bisschen Schwäche aus.”

Ich stockte über soviel Ehrlichkeit. Bei meinem letzten Gespräch mit ihr war sie sehr arrogant und überheblich gewesen. Vielleicht lag diese Zutraulichkeit an ihrem ermüdeten Zustand… “Ich glaube, mit dir hat Angel eine wirklich zuverlässige Freundin.”

Sie grinste. “Das will ich hoffen.”

“Gefällt dir die Arbeit mit den Kindern?”

“Hm… ja, ich denke schon, aber so viel habe ich mit ihnen ja nicht zutun. Ich lebe nur im selben Haus.”

“Du hältst das alles nur für Angel aus. Warum?”

“Warum wohl?” Ihr Stimme bekam etwas schneidendes, “Weil sie alles ist was ich habe. Sie ist wie ich. Meine verdammte Schwester! Auch wenn wir nicht blutsverwandt sind.”

Ich schluckte und war unwillkürlich in die Lehne des Sofas gerutscht. “Entschuldige. Ich wollte dir nicht zu nahe treten.”

Sie schnaubte abfällig.

“Robin… Was denkst du über Jerrys Verschwinden?”

Die Temperatur im Zimmer sank schlagartig. Sogar die Flammen des Kaminfeuers schienen gebannt den Atem anzuhalten. “Sollte dieser Bastard irgendwann wieder aus der Versenkung auftauchen und noch leben, werde ich die Erste sein, die ihm mit Freuden das Herz aus der Brust schneidet. Nur dafür, was er Angel angetan hat.”

So eine Eiseskälte in der Stimme von jemandem hatte ich noch nie zuvor gehört. Mir lief es kalt den Rücken herunter. “Du weißt aber, dass er Unsterblich ist…”

Sie lachte. “Aber auch Unsterbliche leiden Schmerzen. Ich werde ein geradezu teuflisches Vergnügen dabei empfinden, ihm wegen mir monatelange Qualen zu bereiten!”

“Okay….” Für einen Moment wusste ich tatsächlich nicht, was ich sagen sollte. “Ich denke, wir beenden das jetzt hier. Ich wünsche euch, dass alles gut enden wird. Dir und Angel. Und auch ein wenig für Jerry.”

Robin sah mir in die Augen. Immer noch faszinierten mich ihre geschlitzten Pupillen. “Du hast nach wie vor keine Angst vor uns. Ich kann dir die grausamsten Dinge erzählen und du weichst nicht zurück.” Sie grinste. “Weißt du… ich mag dich irgendwie.”

Nun musste ich Lachen. “Ob du es nun glaubst, oder nicht, ich dich auch, Robin. Ich hoffe, ich kann dich bald anrufen. Für die Fortsetzung.”

Sie nickte lächelnd. “Du hast ja meine Nummer.”

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Leseprobe LeAngé Wolfsmensch

copyright by L.Draco 2010

 

 

Abenddämmerung.

Ich hatte lange versucht dieses verfluchte Verlangen zu unterdrücken. Diese grausame Unruhe, die mich hinaus zwang. Hinaus aus meiner Wohnung. Hinaus aus der Stadt. Raus aus meiner Haut.

Ich hielt den Schlüssel so fest umklammert, dass sich die scharfen Kanten in meine Handfläche bohrten. Ich durfte niemanden wecken! Leise wie ein Schatten schlich ich mich ins Nebenzimmer, wo ich mir die Schuhe anzog. Eine Jacke sparte ich mir. Mir war nicht kalt. Nicht mal jetzt im Dezember. Die innere Hitze tief in mir genügte um die äußere Kälte zu vertreiben. Abermals zog sich der Schmerz wie ein heißer Draht durch meinen Körper. Stöhnend brach ich in die Knie. Ich hatte es zulange herausgezögert. Zu lange gewartet. Jetzt hatte ich nicht mehr viel Zeit. Fast hastig rappelte ich mich wieder auf und öffnete die Wohnungstür. Ich musste mich sehr konzentrieren um sie geräuschlos hinter mir zu schließen. Die tierischen Instinkte drohten mich zu übermannen. Die Zeit wurde wirklich knapp…

Ich spürte es schon noch bevor ich den Container erreicht hatte. Bis zum Wald würde ich es auf keinen Fall mehr schaffen. Atemlos und von Schmerzen getrieben suchte ich den dunkelsten Winkel hinter den Mülltonnen im Hof unseres Hauses. Ich verbarg mich hinter einem Stapel alter, welker Kartons und betete zu allen sieben Höllen, dass niemand kam. Eine kurze Verschnaufpause – mehr Zeit hatte ich nicht, bevor der Schmerz mit all seiner Härte zurückkehrte. So schnell ich es vermochte schlüpfte ich aus Hose und Pullover und stopfte sie unter den Container. Dann warf mich der Schmerz erneut zu Boden. Keuchend grub ich die Fingernägel in den Asphalt bis sie splitterten. Ich darf nicht schreien!, schalt ich mich, Sonst sehen sie mich!

Ich hockte auf allen Vieren am Boden und zitterte wie Espenlaub. Mein Rücken krümmte sich bitterlich unter den Schmerzen und schon erschien der erste schwarze Flaum auf meiner Haut. Meine abgebrochenen Fingernägel wurden lang und spitz und auch meine Hände verzerrten sich langsam zu schwarz behaarten Pfoten. Das Fell kroch an meinen Armen und Beinen hinauf über meinen Rücken und erreichte schließlich mein Gesicht. Als es dort ankam, war der Rest meines Körpers schon kaum mehr menschlich. Meine Füße waren ebenso Klauen, wie meine Hände und aus meinem weiblichen Leib war ein starker, muskulöser Wolfskörper geworden. Ächzend riss ich den Rachen auf um dem Druck der wachsenden Zähne nachzugeben. Meine Nase und mein Mund vereinten sich und bildeten eine lange, schmale Schnauze – gespickt mit fürchterlichen, rasiermesserscharfen Zähnen.

Letztlich dann kauerte ich schwer atmend auf dem feuchten Boden zwischen den Kartons und den Abfallcontainern und wartete sehnlichst darauf, dass der Schmerz abflaute. Mein heißer, schneller Atem bildete kleine Nebelschwaden in der klirrend kalten Nachtluft. Langsam krochen die Empfindungen in meine Glieder zurück und ich wagte mich wieder zu bewegen. Vorsichtig richtete ich mich auf – erst auf alle Viere und dann zur vollen Größe. Der diabolische Schmerz von eben war verschwunden und an seine Stelle waren hoch empfindliche Sinne getreten. In einem tiefen Atemzug füllte ich meine gewaltigen Lungen mit kühler Nachtluft. Unbeschreiblich viele Gerüche strömten durch meine Nase, aber ich machte mir nicht die Mühe sie alle zu identifizieren. Von irgendwo her hörte ich einen Zweiten meiner Art rufen. Ich antwortete ihm. Das tiefe Grollen aus meiner Kehle schwoll schnell zu einem schrillen, hellen Laut an, der wie eine Klinge durch die Nacht schnitt. Der Andere rief mich wieder – rief mich zur Jagd…

 

Erschöpft kehrte ich am frühen Morgen nach Hause zurück. Unter meinen Kleidern verbarg ich das geronnene Blut meines Opfers. Immer noch schlich ich so leise ich nur konnte umher, damit niemand mich bemerkte. Zum Glück war zu dieser Stunde noch niemand auf den Beinen. Vorsichtig lugte ich um die Ecke zur Kellertüre hin. Dann warf ich einen Blick zu den Fenstern hinauf. Niemand da. Gut… Mit zwei schnellen Schritten war ich an der Betontreppe zur Kellertür und mit einem weiteren hinab. Ich drückte die Klinke und schlüpfte hindurch. Ohne das Licht einzuschalten schlich ich durchs Treppenhaus hinauf zur meiner Wohnung. Meine Sinne erlaubten mir auch im Dunkeln sehen zu können wie am Tage. Ich kramte meinen Schlüssel aus der Hosentasche und schloss die Wohnungstür auf. Endlich wieder daheim seufzte ich erleichtert, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel. Ich streifte auf dem Weg ins Bad alle Kleider ab und ging erst einmal duschen. Danach setzte ich Kaffee auf und hockte mich auf die breite Fensterbank des Küchenfensters. Von hier aus – dem fünften Stock meines Wohnhauses – hatte man einen ganz guten Blick auf die Stadt. Langsam und vorsichtig kroch am fernen Horizont die Sonne weiter am Himmel empor. Blutig rot tränkten ihre zitternden Strahlen die Straßen. Wieder seufzte ich. Es war so ein furchtbares Leben. All die Schmerzen und Entbehrungen! Dieser tief verwurzelte Hass und das stete Gefühl verfolgt oder beobachtet zu werden. Es hatte Vorteile – klar – aber leider überwogen die Nachteile eindeutig. Zwar wurde ich nie krank, hatte Sinne so scharf wie eine Rasierklinge und musste nie zum Frisör, aber dafür ertrug ich alle achtundzwanzig Tage eine schiere Höllenwanderung, sollte besser keine menschlichen Freunde haben, geschweige denn eine feste Beziehung und konnte keine normalen Jobs annehmen, weil mein eingefleischter Instinkt mir das Nachtleben vorschrieb. So arbeitete ich manchmal in einer Bar als Kellnerin, wenn mir der Sinn danach stand, denn dann war da ja auch noch mein anderer Job. Der mit dem ich eigentlich mein Geld verdiente. Allein drei Tage im Monat, die um Vollmond herum, hatte ich frei. Brauchte diese Zeit, um meine andere Seite auszuleben. Ja, denn immer zu Vollmond erwachte dieses finstere Verlangen in mir. Diese Unruhe. Dieser tödliche Durst nach Blut und lebendigem Fleisch. Dann verwandelte sich mein Leib – so wie diese Nacht – und tötete einen Menschen nach dem anderen. Jedes Mal. Mittlerweile hatte ich mich damit abgefunden. Ich konnte es nicht ändern. Die erste Wandlung an die ich mich erinnern konnte, war längst nicht die erste, die ich durchlebt hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als dieser grausame Schmerz meinen Körper verlassen hatte und ich zum ersten Mal richtig begriff was ich wirklich war. Obwohl ich es auch vorher schon geglaubt hatte zu wissen. Ich war ein Werwolf. Ein geborener Werwolf. Das Kind einer Werwölfin und eines Menschen, so sagte man. Da ich nicht wusste wer meine Eltern waren konnte mir niemand wirklich sagen, wer ich war. Woher ich kam. Wie alt ich war. All das fehlte in meinem Kopf. Mein halbes Leben… Das Einzige, was wie eingebrannt in meinem Hirn war, war ein Teil meines Namens. Angel. Also war ich Angel. Später gab man mir dann auch einen vollen, bürgerlichen Namen. Angelique Darlin. Unter dem auch meine Sozialversicherungsnummer und alles andere lief. Mein menschlicher Name.

Doch trotz allem verbarg sich dicht unter meiner fast weißen Haut ein unwahrscheinlich finsterer Schatten. Kein Mensch auf dieser Welt war auch nur in der Lage ihn zu sehen. Zu sehen, dass ich anders war, als sie, die Menschen. Sie erkannten nicht, dass der Tod in meinem Blick schwamm und die Dunkelheit in meinem Lächeln wohnte. Niemand sah, dass ich vielleicht einmal ihr aller Tod sein würde…

 

Mittlerweile war es halb sieben Uhr morgens und ich war alles andere als wach, trotz Kaffee. Müde gähnend beschloss ich ein paar Stunden zu schlafen, ehe ich wieder das Haus verlassen würde. Es war der zweite der drei Tage an denen mein normales Leben still stand und ich meiner zweiten Seite Auslauf gönnte. Also kroch ich wieder unter die Bettdecke und schlief bis vier Uhr nachmittags. Ein ganz normaler Tagesablauf. Für Geschöpfe der Nacht, wie ich es war. Und da es Winter war dämmerte es um diese Zeit bereits wieder und bis ich geduscht und mich fertig gemacht hatte würde es fast ganz dunkel sein.

Geduscht und mit nassen Haaren stand ich vor meinem Kleiderschrank und wählte mein Outfit für diese Nacht. Ein langer, schwarzer Samtrock, eine Korsage unter der ich nichts tragen würde und mein geliebter schwarzer Ledermantel. Dazu hohe Schnürstiefel und dunkles Make-up. Als Krönung von alle dem schminkte ich mir die Lippen blutrot. Ja, denn heute Nacht hatte ich etwas vor…

Mir wehendem Mantel und viel Aufmerksamkeit erregend schritt ich mit hoch erhobenem Kopf durch die Straßen. Meine Stammkneipe lag nur ein paar Minuten von meiner Wohnung entfernt in einer unbeleuchteten Seitengasse. Den Eingang sah man nur, wenn man wusste, wo man suchen musste. Kurzerhand öffnete ich die unscheinbare Kellertür und folgte der abgenutzten Betontreppe hinab. Schon nach ein paar Metern wandelte sich die Betonwand in den rauen Stein eines mittelalterlichen Gemäuers. Von den Wänden hingen Spinnweben und es roch überall nach feuchtem Mauerwerk. Weiter unten dann erkannte ich einen schwachen Lichtschimmer. Eine einzelne Laterne bewachte den eigentlichen Eingang zum Gehenna. Als ich eintrat empfing mich eine Wolke aus den übelsten Gerüchen. Zigarettenqualm – hauptsächlich – aber auch ein leichter, für Menschen unmöglich wahrnehmbarer, sanfter Blutgeruch. Sofort erwachten meine Instinkte wieder. Aufmerksam schritt ich zur Bar hin und setzte mich so, dass ich in den Raum hinein sehen konnte. „Das Übliche, Angel?“ erscholl die Stimme des Barkeepers hinter mir.

Ich nickte nur lächelnd und wartete bloß so lange auf meinem Hocker, bis er das Glas Wiskey on the Rocks neben mir abgestellt hatte, ehe ich aufstand, meinen Drink nahm und in den hinteren Raum ging. Die Tür trug die Aufschrift VIP – Bereich, war also ausschließlich für Dämonen wie mich.

Je näher ich der ehernen Tür mit ihren schweren Eisenbeschlägen kam, desto intensiver wurde der Blutgeruch. Ich öffnete und trat ein. Die Anwesenden wussten längst, wer durch die Tür treten würde, weshalb auch niemand den Kopf hob. Ich warf einen schnellen Blick in die Runde. Nichts, was ich nicht schon einmal gesehen hätte. Zwei Vampire, die sich gegenseitig an Hälsen und Armen herum knabberten und ein paar niedere Dämonen.

Was mir aber dennoch auffiel war ein Mann, der in der hinteren Ecke des Raumes an einem Tisch saß. Allein sein Geruch machte mich auf ihn aufmerksam. Ein Artgenosse. Ein Werwolf. Seine langen, schlanken Finger spielten mit dem Glas vor ihm. Sein Gesicht war hinter langen, blonden Haaren verborgen, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ein paar lose Strähnen fielen ihm ins Gesicht. Er trug – ebenso wie fast jeder hier – Schwarz. Unter seinem hautengen Hemd zeichnete sich eine starke Brust ab. Er war wirklich ein angenehmer Anblick. Schöne, elegante Gesichtszüge. Ausgeprägte Wangenknochen. Glatte, helle Haut. Kurzerhand beschloss ich mich zu ihm zu setzen. Ich wollte heute schließlich nicht allein nach Hause gehen.

„Und ich dachte schon, ich wäre heute Abend der Einzige hier…“ schnurrte ich lächelnd und setzte mich ihm gegenüber.

Er hob den Kopf und erwiderte mein Lächeln. Seine Augen waren zwar stahlblau, aber dennoch hätte ein Blinder den wilden, unbeugsamen Glanz in ihnen erkennen können.

„Tja, das liegt wohl daran, dass das Crow heute zu hat, meine Liebe.“

Ich verzog eine Miene. Das Crow war ein anderer Club, der für seinen versauten Ruf bekannt war und dafür, dass er einem alles verkaufte, was man haben wollte. Menschen eingeschlossen. „Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen und das ich dir erlaubt hätte mich so zu nennen…“ überging ich seine Anspielung auf den Club, in den ich nie ging. Aber wenn ich etwas hasste, dann waren es Spitznamen von Männern, die ich etwa dreißig Sekunden kannte.

Er grinste nur breit. „Mein Name ist Leo.“ Erklärte er, und noch bevor ich ihm meinen Namen sagen konnte, sprach er weiter: „Und – lass mich raten – du bist Angelique.“

Ich seufzte und lächelte dann aufgesetzt. „Ich bin wohl bekannter als ich dachte!“

Wieder lachte er nur. „Man hört viel von dir. Es gibt nicht viele von uns, die als … hm … tja …“ Sag´s ruhig, dachte ich schmunzelnd, während er so vor sich hin stotterte.

„…Auftragskiller arbeiten. Und erst recht nicht so extravagant, wie du es tust.“ sagte er schließlich. Ein gefährliches Funkeln trat in seine Augen, was mich etwas verblüffte, wie ich eingestehen muss. Ich erwiderte seinen Blick und lächelte herausfordernd. Er gefiel mir. Und wie er mir gefiel!

„Irgendwie muss man sich ja seine Brötchen verdienen.“ sagte ich und versuchte möglichst arrogant zu wirken. Ich wusste, dass ich hin hatte. Er würde mich heute begleiten.

Er senkte lächelnd den Kopf und nahm sein Glas in die Hand. „Nun… was wollen wir heut’ Abend noch schönes machen, Angel? Hier ist es ziemlich langweilig und die Nacht ist noch jung….“

Ein schon fast teuflisches Grinsen trat auf meine Lippen und allein der Gedanke ließ meine Augen gleißend gelb auflodern. Ich beugte mich ein Stück zu ihm vor und zischte: „Lass uns jagen gehen….“

 

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Interview mit Angel

Ich traf Angel an einem Sonntagnachmittag, kurz vor der Dämmerung. Es war ein nasser Novembertag. Wir hatten ein Cafe am Stadtrand von London vereinbart. Zeitpunkt des Interviews war kurz nach Jerrys Verschwinden, ganz am Anfang ihrer Schwangerschaft mit Melody.
Ich war schon eine Stunde vor der verabredeten Zeit in das Cafe gegangen um sie auch ja nicht zu verpassen. Schließlich hatte man nicht alle Tage ein Treffen mit einer Auftragskillerin. Ich war schrecklich nervös! Vor allem, als sie tatsächlich auf meine Anfrage zu diesem Interview eingegangen war. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sie tatsächlich zustimmt. Aber sie hatte es. Sie hatte Zeit und Ort festgelegt, aber ich wäre auch nach Australien geflogen, wenn sie mich dort hätte treffen wollen.

Als Angel das Cafe betrat drehte sich jeder Mann und jede Frau nach ihr um. Aber sie zog mit ihrer ledernen Motorradjacke, den schweren Stiefeln, der hautengen Jeans und den langen, offenen Haaren auch alle Blicke auf sich. Sie lächelte, als sie mich sah und kam zu mir.

“Hi.” sagte sie, als sie sich, geschmeidig wie eine Schlange in den Sitz mir gegenüber gleiten ließ.
Gott, diese Stimme ließ einem den Atem stocken.

“Hallo. Schön, dass du gekommen bist.” brachte ich schließlich hervor. In ihrer Gegenwart nicht eingeschüchtert zu sein war verdammt schwierig. Sie hatte wahrhaft eine erdrückende Ausstrahlung.
“Ich muss gestehen, ich war mir nicht sicher, ob du tatsächlich kommst. Aber umso mehr freut es mich, dass du hier bist. … Wo sollen wir beginnen? Vielleicht erst einmal so: Wie geht es dir?”

Sie lachte leise. “Abgesehen von der Morgenübelkeit? Fantastisch.”

Ich musste lächeln. “Wie kommst du mit der Schwangerschaft zurecht? Ich meine, für Frauen deiner Art ist es ja kein einfacher Zustand.”

Ihre rechte Augenbraue schnellte in die Höhe und ihr Gesicht wurde verschlossener, wenngleich das Lächeln blieb. “Es ist auch nicht einfach. Tracey hat mir eigentlich verboten das Haus zu verlassen.” Sie schnaubte, was wohl soviel hieß, wie, dass es ihr sonstwo vorbeiging. “Ich ruhe mich erst aus, wenn ich nicht mehr stehen kann.”

Ich nickte. So hatte ich sie auch eingeschätzt. “Vielleicht darf ich dir an dieser Stelle noch einmal danken, dass ich deine Geschichte aufschreiben darf. Ich weiß, dass es nicht einfach für dich ist, gerade die Sache mit Claude, aber umso wertvoller empfinde ich deine Ehrlichkeit mir gegenüber.”

Ihr Lächeln wurde breiter. Und wärmer. “Keine Ursache. Das ganze war schließlich Traceys Idee und nicht meine. Sie hat dich ausgesucht, damit du das alles aufschreibst.”

Ich seufzte, als ich mich an den Tag erinnerte, als Tracey vor meiner Tür stand. “Deshalb hattest du immer noch keinen Grund auch nur halb so ehrlich zu mir zu sein, wie du es bist.”

Jetzt lachte sie. “Dein Interview.” erinnerte sie mich.

Ich warf verlegen einen Blick auf meine Notizen. “Was wirst du tun, wenn das Kind geboren ist?”

Wieder dieser verschlossene Ausdruck zusammen mit dem Lächeln. “Ich werde bei Tracey bleiben. Ich habe versprochen ihr zu helfen. Mit den Kindern, du weißt. Sie alle brauchen Hilfe und ich denke, von mir können sie immerhin ein wenig lernen.”

“Das ist eine sehr noble Geste von dir, sehr selbstlos.”

“Du meinst, für Jemanden, der für Geld  tötet?” Das Grinsen auf meinen Lippen versprach einen langsamen und qualvollen Tod, es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.  ”Mache dir mal keine Sorgen. Das Geld aus meinen Aufträgen wird auch an Tracey gehen. Sie hat es nötiger als ich.”

Ich brauchte tatsächlich einen Moment, bis ich mich wieder gesammelt hatte. Was sie schrecklich zu amüsieren schien. Ich zögerte meine nächste Frage noch etwas hinaus. “Darf ich dich nach Jerry fragen?”

Ihr Lächeln erstarrte. “Klar.”

“Vermisst du ihn?”

Sie schnaubte hart. Aber ich hörte den Schmerz darin, sah das feuchte Glitzern in ihren Augenwinkeln. “Natürlich! Wie könnte ich anders?! Ich habe dir erzählt, was er für mich ist!” Eine Stimme scharf und schneidend und kalt wie Eissplitter.

Ich entschuldigte mich. “Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich weiß, die Wunde ist noch frisch.”

“Sie wird nie heilen.”

“Sollen wir das Gespräch ein andern Mal fortsetzen?”

Sie nickte leichte. “Ich denke, das wäre besser. Ich bin müde.” Sie bezahlte meinen Kaffee und wir gingen gemeinsam hinaus. Draußen vor dem Cafe wartete ein schwarzer Mercedes mit abgedunkelten Scheiben. Robin lehnte an der Motorhaube. Ich verabschiedete mich von Angel und sie stieg in den Wagen. Robin kam noch zu mir herum. “Wir sehen uns dann morgen?” fragte ich sie. Sie grinste, entblößte spitze Eckzähne. “Ich sehe dem mit Freuden entgegen, Mensch.” Dann stieg sie ein und startete den Wagen. Ich sah ihnen nach, bis der Verkehr den Wagen verschluckt hatte…

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First Day…

Dies ist der erste Eintrag.

Wie ich hoffe, einer von vielen… wie sich dies alles entwickelt wird die Zeit zeigen. Was ich hier schreibe, wir sich zeigen…

Worüber ich schreibe wird unterschiedlich sein. So unterschiedlich, wie die Welt in der wir leben…

Es liegt an euch meinen Gedanken zu folgen … oder eben nicht …

yours

Angel

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